Göcklingen

Göcklingen Panoramabild von Göcklingen

Ein Stück Geschichte aus Göcklingen

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Das Bild wurde 1933 aufgenommen von dem Arzt. Dr. Jeremias aus Ingenheim, der  viele medizinische und menschliche Dienste für arme Familien kostenlos erbrachte, aber als Jude Deutschland verlassen musste.

Das Leben der armen Leute in den 20-er und 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts
Aus schriftlichen Aufzeichnungen und mündlichen Erzählungen von Liesel Schäfer.
Die Veröffentlichung erfolgt  mit Erlaubnis ihres Ehemannes Edwin Schäfer

Liesel Schäfer berichtet: "Aus meiner Kindheit sind mir noch 59 Personen im Gedächtnis, die im Armenhaus der Gemeinde Göcklingen (heute Münsterweg  1 und  3) wohnhaft waren. Außerdem stand im Hinterhof ein ausgedienter Eisenbahnwaggon, der ebenfalls bewohnt war. Das Haus war völlig verwahrlost und zum Bewohnen menschenunwürdig. Es gab noch keinen Strom, keine öffentliche Wasser Ver- und Entsorgung. Als Toiletten dienten für alle Bewohner lediglich zwei Plumpsaborte. Um den Misthaufen war eine 40 cm hohe Mauer errichtet, worauf etwa 25 bis 30 Kinder in der Hocke ihr "Geschäft" verrichteten. Die vielen Mücken und der Gestank waren manchmal unerträglich. Gelegentlich wurde der gebrauchte Inhalt eines  Strohsacks oder eine Schaufel ungelöschter Kalk auf den Mist gestreut. Übrigens, der "Strohsack" eine aus grobem Leinenstoff genähte Hülle in Größe eines Bettes und gefüllt mit Stroh, war als Unterbett Standard.

Trinkwasser gab es vom Dorfbrunnen, der an der gegenüberliegenden Straßenseite Tag und Nacht sprudelte. Mit Eimern und Kannen wurde das Wasser geholt. Abends wurden Petroleumlampen angezündet . Manchmal wurde auch das Ofentürchen  geöffnet, damit es nicht so dunkel in der Stube war. Die schmutzige Wäsche wurde an den Kaiserbach geschleppt und auf den aus Sandsteinplatten bestehenden Waschbänken gebürstet und mit fließendem Kaiserbachwasser geschwenkt. Waschbänke gab es am Kaiserbach an mehreren Stellen.

Ein Laib Brot kostet damals 45 Pfennige. Es gab sogar 4-Pfennigmünzen, wofür man eine Schachtel Streichholz (Zündhölzer) kaufen konnte. Lebensmittel konnte man in den örtlichen (Kolonial)Warengeschäften, bei Bäckers, Schäfers, Petermanns oder bei der Amande einkaufen, wo man sogar anschreiben lassen konnte. In der Metzgerei Bischoff gab es für eine Mark Zipfel, (Wurstanschnitte)  die für ein Abendessen ausreichten. Für die Ärmsten wurde extra eine minderwertige Leber bzw. Blutwurst, im Volksmund Kilometerwurst genannt, hergestellt. Dazu gab es Pellkartoffeln, die von den Äckern "gestoppelt" waren. Ein Feiertagsessen, damals!

Wenn in der Metzgerei geschlachtet wurde, durfte sich jede arme Familie Wurstsuppe holen. Es wurde darauf geachtet, dass viel Fett darin enthalten war, mit dem die ganze Woche das Essen "geschmelzt" wurde.

Die Väter  kinderreicher Familien gingen meistens in den Tagelohn zu Bauern, wo sie zu essen und trinken bekamen und mit  drei bis vier Reichsmark je Tag entlohnt wurden. Die ganze Familie musste sich am Lebensunterhalt beteiligen.  Die Erwachsenen und Kinder halfen bei der Weinlese, bei der Kartoffelernte, Getreideernte, beim Reben schneiden und Reben lesen. Saison bedingt wurden Heidelbeeren, Himbeeren oder Brombeeren gepflückt, Ähren gelesen und Kartoffel gestoppelt. Mit kleinen Handwagen wurde Brennholz vom Wald geholt, im Herbst Kastanien gelesen, Pilze gesucht, Wingertsalat oder Löwenzahn gestochen, Hutzeln gelesen. Die Erzeugnisse wurden teils selbst verbraucht, der Rest verkauft oder umgetauscht.  Bei den Bauern mussten die Kinder Heu trippeln und sonstige Arbeiten verrichten, die heute als Kinderarbeit in Verruf geraten und verboten sind. Es war wahrlich keine schöne Arbeit. In den Ferien ging es nach Steinfeld und andere Grenzdörfer, ja sogar ins Elsass, um Hopfen zu zupfen ("Hoppe zoppe") Wenn die Not zu groß war sind Kinder in die Nachbardörfer geschickt worden, um bei gut gestellten Bauern ein Stück Brot und sonstige Lebensmittel zu erbetteln. Unsere Eltern waren froh, von gut situierten Göcklinger  Familien (Hafner, Reither) ein paar abgelegte Kleider oder Schuhe für sich und uns Kinder geschenkt zu bekommen."

Das war in groben Zügen die Lebensweise armer Leute der damaligen Zeit. Der gesellschaftliche Zusammenhalt war zwar intensiver, aber zurück versetzen in diese Zeit möchte man sich nicht mehr.

pkl

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