Göcklingen

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Gedicht von Hermann Hesse
* 2. Juli 1877 in Calw + 9. August 1962 in Montagnola , Tessin

Sprache

Sie Sonne spricht zu uns mit Licht, mit Duft und Farbe spricht die Blume,
mit Wolken, Schnee und Regen spricht - die Luft -.
Es lebt im Heiligtume der Welt ein unstillbarer Drang,
der Dinge Stummheit zu durchbrechen, in Wort, Gebärde, Farbe, Klang
des Seins Geheimnis auszusprechen.
Hier strömt der Künste lichter Quell, es ringt nach Wort, nach Offenbarung,
nach Geist die Welt und kündet hell aus Menschenlippen ewige Erfahrung.
Nach Sprache sehnt sich alles Leben in Wort und Zahl, in Farbe, Linie Ton
beschwört sich unser dumpfes Streben und baut des Sinnes immer höhern Thron.

In einer Blume rot und blau, in eines Dichters Worte wendet
nach innen sich der Schöpfung Bau der stets beginnt und niemals endet.
Und wo sich Wort und Ton gesellt, wo Lied erklingt, Kunst sich entfaltet,
wird jedesmal der Sinn der Welt des ganzen Daseins neu gestaltet.
Und jedes Lied und jedes Buch und jedes Bild ist ein Enthüllen,
ein neuer, tausendster Versuch des Lebens Einheit einzugehen.
Lockt euch die Dichtung, die Musik, der Schöpfung Vielfalt zu verstehen
genügt ein einziger Spiegelblick was uns Verworrenes begegnet
wird klar und einfach im Gedicht.
Die Blume lacht, die Wolke regnet, die Welt hat Sinn, das Stumme spricht.

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